Use Case: Marktabklärung mit KI

Nicht eine Marktstudie — eine massgeschneiderte Abklärung

Der Unterschied ist wesentlich. Eine Marktstudie beschreibt einen Markt allgemein. Eine Marktabklärung beantwortet die spezifischen Fragen eines Unternehmens: Welche Segmente sind für uns relevant? Wer sind die tatsächlichen Wettbewerber — nicht die grossen Namen, sondern die, die wirklich um dieselben Kunden kämpfen? Wo liegen unsere Differenzierungsmöglichkeiten?

Die Abklärung ist auf den Mandanten zugeschnitten — auf sein Geschäftsmodell, seinen Zielmarkt, seine strategische Ausgangslage. Das Canvas gibt den Rahmen. Der Berater gibt die Richtung.

Das Canvas als Prozessrahmen

Das Canvas zeigt die Bausteine einer vollständigen Marktabklärung. Von der Mandantenerfassung über Markt, Zulieferer und Wettbewerber bis zur Kundennutzenanalyse und den strategischen Fragen. Jeder Baustein hat einen definierten Input, einen strukturierten Output und einen Freigabeschritt durch den Berater.

Ohne Freigabe kein nächster Schritt. Das ist keine Bürokratie — es ist die Grundbedingung dafür, dass KI-Ergebnisse verantwortlich eingesetzt werden können.

Zwei Werkzeuge, zwei Stärken

Wir nutzen zwei KI-Werkzeuge, jedes für die Phase, in der es überlegen ist.

Die Setup-Phase läuft in Claude. Mandantendaten, Auftragsklärung, Marktabgrenzung, Zielmarkt-Definition — strukturierte Beratungsarbeit, in der Präzision, Methodendisziplin und Konsistenz im Vordergrund stehen. Claude führt durch jeden Schritt, fordert Freigaben ein, dokumentiert sauber.

Für die Recherche wechseln wir zu OpenAI Deep Research. Der Grund ist pragmatisch: Für umfangreiche Web-Recherchen mit systematischer Quellenverfolgung ist Deep Research derzeit überlegen. Marktgrösse, Marktteilnehmer, Zulieferer, Kundensegmente — strukturiert, mit Quellenangaben, in einem definierten Format.

Die Ergebnisse kommen zurück nach Claude. Dort folgt die Synthese: Verdichtung der Recherche, Kundennutzenanalyse, Wettbewerbspositionierung, SWOT, strategische Fragen, strategische Optionen. Jede dieser Ebenen baut auf der vorigen auf, jede wird einzeln freigegeben.

Die Übergabe zwischen den beiden Werkzeugen ist bewusst manuell. Der Berater liest, prüft, ergänzt — und übergibt erst dann. Das ist kein Reibungsverlust, das ist Qualitätssicherung.

Ein Exkurs zu Präsentationstools

Wir haben Gamma für die Erstellung der Management-Präsentation getestet. Das Ergebnis: visuell ansprechend, narrativ mitreissend, mit sanften Farbverläufen und fliessenden Übergängen. Kurz: es sieht aus wie Märchenerzählen. Wenn KI dann noch halluziniert, passt das gut zusammen.

Für einen Strategiebericht ist Gamma overload. Unsere Mandanten brauchen keine Dramaturgie — sie brauchen Klarheit. Claude erstellt die Präsentation direkt: nüchtern, analytisch, ohne dramaturgische Ambitionen. Einfach eine Präsentation, die ihren Job macht.

Was am Ende vorliegt

Eine vollständige Marktabklärung mit diesem Prozess liefert:

Die Kundennutzenanalyse aus Schritt 7 wird über ein definiertes Mapping in die Excel-Vorlage übertragen. Von dort werden Value Map und Attribute Charts generiert und ohne Medienbruch in Bericht und Präsentation übernommen. Das Ergebnis ist eine vollständige, visuell aufbereitete Wettbewerbspositionierung — auf Basis strukturierter KI-Ergebnisse, nicht auf Basis von Schätzungen.

Das sind keine Rohskizzen. Es sind erste Entwürfe, die im Strategieprozess weiterverwendet werden können — als Grundlage für die SWOT, für die Formulierung strategischer Fragen und für die Diskussion im Führungsteam. Der Berater prüft, schärft und ergänzt — aber er beginnt nicht bei Null.

Was KI gut kann — und was nicht

Die Recherche ist breiter, schneller und systematischer als bisher möglich. Was früher mehrere Wochen dauerte, läuft heute in zwei klaren Stufen: Ein erster Entwurf mit interner Querprüfung in einem Tag. Nach Klienten-Feedback und einer Überarbeitungsrunde — typisch ein bis zwei weitere Tage — liegt die belastbare Abklärung vor. Maximal fünf Tage, nicht mehrere Wochen.

Was wir dabei gelernt haben: Ein KI-Agent braucht enge Begleitung. Man kann ihn nicht einfach durchlaufen lassen und am Ende den Bericht abholen. Jeder Schritt will geprüft sein — nicht weil KI schlecht arbeitet, sondern weil die strategische Einschätzung beim Berater bleibt. Das ist kein Mehraufwand. Es ist der Kern des Prozesses.

KI kann auch eine strategische Vorsortierung vornehmen: welche Wettbewerber wirklich relevant sind, welche Kundensegmente strategisch in Frage kommen. Aber welche Fragen am Ende tatsächlich entscheidend sind — diese Verantwortung liegt bei der Führung. Genau deshalb ist der Freigabeschritt im Prozess keine Option, sondern Pflicht.

KI liefert die Grundlage. Der Mensch verantwortet das Ergebnis.

Fazit

Wer KI unstrukturiert einsetzt, bekommt unstrukturierte Ergebnisse. Wer den Prozess klar definiert — mit Canvas, Freigaben und bewusster Werkzeugwahl pro Phase — bekommt verwertbare, belastbare Grundlagen.

Die entscheidende Erkenntnis ist nicht, dass KI Recherche kann. Die Erkenntnis ist, dass die Methode den Hebel macht: Welches Werkzeug wofür, welcher Schritt mit welchem Output, welche Freigabe an welcher Stelle. Methode kommt vor Tool. Wer das umdreht, bekommt schöne Ergebnisse — aber nicht zwingend richtige.

Die Marktabklärung zeigt, was möglich ist, wenn beides zusammenkommt. Nicht als Experiment, als Prozess, der funktioniert.

Buch StrategieKompakt

Aktualisiert am 29.4.2026 — Tool-Stack präzisiert.